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Persönlichkeit aus dem Passeirtal: Dr. Joseph Ennemoser
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Dr. Joseph Ennemoser (1787 – 1854)
Am 15. November 1787 wurde am Egghof in Rabenstein Passeier der spätere Arzt und Wissenschaftler Joseph Ennemoser geboren. Die Ausbildung erfuhr er in Meran und später an den Universitäten in Padua, Innsbruck und Berlin.
Mitten in die Studienzeit fielen die Tiroler Freiheitskämpfe, an denen Ennemoser als Geheimschreiber Andreas Hofers und als Offizier der Passeirer Schützenkompanien teilnahm. Nach den Kämpfen in Tirol 1809 zog Joseph nach Berlin und besuchte auf der Universität die Vorlesungen und Übungen berühmter Professoren. Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte war damals Rektor der Universität und Josephs Philosophielehrer. Prof. Karl Christian Wolfart führte den wissbegierigen Medizinstudenten aus Rabenstein in die Geheimnisse der Tiefenpsychologie und der Psychotherapie ein und setzte dadurch das Heilkonzept des Wiener Arztes Franz Anton Mesmer fort. Handauflegen, Hypnose und Suggestion wurden dadurch Hilfsmittel der Medizin.
1813 trat Ennemoser in das Lützowsche Freikorps ein, wurde Offizier und kämpfte an der Seite seines Dichterfreundes Theodor Körner gegen die Truppen Napoleons. Als „Ritter des Eisernen Kreuzes“ kehrte Joseph nach Berlin zum Studium zurück, wo er 1816 promovierte.
Als junger Arzt zog er durch England, Holland und Polen, wobei er sich durch die damals aktuelle Naturheilmethode des „Magnetismus“ und der Hypnose auszeichnete.
1819 wurde Ennemoser vom preußischen König Friedrich Wilhelm zum außerordentlichen Professor an die Universität in Bonn berufen. Mit seinen 32 Jahren und einer langen Kette von Freiheitskampferfahrungen in Tirol, Preußen und Belgien gegen Napoleon sollte Joseph Anthropologie, psychische Heilkunde und Pathologie lehren. Ennemoser nützte seine Professorenzeit für die Abfassung zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen.
Joseph Ennemoser wurde auf dem Lehrstuhl in Bonn neben den Autoritäten in Berlin der namhafteste akademische Ansprechpartner Deutschlands im Bereich des „tierischen Magnetismus“, wie man damals die esoteriknahe Lehre hieß. „Unter tierischem Magnetismus versteht man jene eigentümlichen physischen und psychischen Erscheinungen, welche durch eine bewusste und neue künstliche Einwirkung auf Andere vorzüglich zur Heilung von Krankheiten hervorgebracht werden“ schreibt Ennemoser und wird so neben Mesmer und Wolfart zum Vorläufer der Psychoanalyse von Sigmund Freud.
Heute würden wir diesen Bereich der Parapsychologie zuordnen und den PSI – Phänomenen zuschreiben.
Bei Bonn lebte damals ein berüchtigter Mörder, Adolph Moll, der zum Tode verurteil wurde. Die Begegnung mit diesem Mörder war für den Mediziner ein willkommener Anlass, um „über die nähere Wechselwirkung des Leibes und der Seele mit anthropologischen Untersuchungen über den Mörder Adolph Moll“ nachzudenken, zu forschen und zu schreiben. In der betreffenden Publikation von 1825 vergleicht Ennemoser den Verbrecher mit einem Stein am Hang und schreibt folgende gesellschaftskritische Meinung nieder, die mit einer Kritik am Vollzugssystem endete: „ es verrät noch wenig zum wahren Nutzen gediehene Klugheit, wenn man den Gefahr drohenden und zum Fall geneigten Stein zertrümmert, statt ihn mit behutsamer Arbeit an einer festen Stelle zu verwahren, oder anderwärts als nützliches Material zu gebrauchen! ......sollte endlich nicht überhaupt dem Sittenverderbnisse mehr abgeholfen werden durch eine bessere und zweckmäßigere Einrichtung der Gefängnisse, wohin jetzt Menschen geringerer Vergehen halber so ungesondert, wie das Vieh versetzt und aufbewahrt werden, und wo so mancher zum wahren Mörder erst reif wurde?“
Neben dem Kampf gegen unmenschliche Gefängnisse bemühte sich Ennemoser auch um eine menschenwürdige Behandlung psychisch Kranker, die damals noch unter entsetzlichen Umständen dahinvegetieren mussten. Statt der damals üblichen „Irrenhäuser“ forderte der sozial aufgeschlossene Rabensteiner Arzt „Heilanstalten“ für diese Ärmsten der Armen.
Ein besonderes Anliegen war dem Gelehrten die Darstellung der Geschichte der Magie. Er durchleuchtete die Welt der Visionen, der Träume und des Wahrsagens und endete seine Vorstellungen mit der Untersuchung der Zauberei, des Hexenwesens, des Besessenseins und der epidemischen Krämpfe. Unmut hat sich der Professor eingehandelt, als er die Seherin Maria von Mörl in Kaltern besuchte und dabei andeutete, dass Maria von Mörl nicht unbedingt Wunder wirken müsse, nur weil die Leute noch die Gesetzte der Natur nicht voll durchschauten. Graf Reisach von Innsbruck hat daraufhin den tiefgläubigen Forscher sogar als „glaubenslosen Dr. Ennemoser“ hingestellt.
Das Fazit seines Lebens hat der wissende Arzt und Forscher Ennemoser im 1849 erschienenen Buch „Der Geist des Menschen in der Natur, oder die Psychologie in Übereinstimmung mit der Naturkunde“ niedergeschrieben. Ausgehend vom Weltall beschreibt er das Leben der Mineralien, der Pflanzen, der Tiere und des Menschen. Den zweiten Teil des Werkes widmet er dem Geist des Menschen, der menschlichen Seele, den Empfindungen und den Sinnen. Breiten Raum nehmen wieder die Beobachtungen von der Wechselwirkung des Leibes und der Seele ein, dem Lieblingsthema Ennemosers. Ennemoser war fest davon überzeugt, dass der menschliche Embryo schon ab dem Moment der Zeugung mit einer unsterblichen Seele ausgestattet wird.
Während Ennemoser in Bonn politisch kaum tätig war, änderte sich dies ab seinem Aufenthalt in Innsbruck und München, wo er ab dem Juli 1848 die „Innsbrucker Zeitung“ herausgab, die sich voll in die politischen Turbulenzen der Zeit warf und seitens der Ultramontanen (katholisch hochaktive Gruppe) heftig angegriffen wurde.
Besonders gestört hat den Menschenfreund Ennemoser die unwürdige wirtschaftliche Situation der Lehrer und der einfachen Landgeistlichen von damals und ist so in das Schussfeld der höheren Geistlichkeit geraten, ein Umstand, der ihm persönlich noch über seinen Tod hinaus sehr geschadet hat.
Den letzten Lebensabschnitt hat Ennemoser als praktischer Arzt in München verlebt, wo er in Ausübung seiner überdurchschnittlichen Ärztekunst einen europaweiten Kundenkreis betreuen konnte. Allgemein galt der weltoffene Arzt und Wissenschaftler als sehr gelehrt, charakterfest und rechtlich gesinnt.
Bereits mit 67 Jahren verstarb er infolge eines Milzleidens; er wollte dort begraben sein, wo die heimischen Berge, die Alpen, auf sein Grab nieder sahen: im Dorffriedhof von Rottach/Egern, wo er sich auf Kuraufenthalt befand. Um ihn trauerten die Gattin Marianne Hochmuth aus Rattenberg in Tirol und die zwei Töchter Josephine und Wilhelmine.
Es wurde bald still um den berühmten Professor. Tirol vergaß den Freiheitskämpfer von einst, die gebildete Welt ignorierte die Produkte seines weitgefächerten Wissens: sein an Goethe anlehnendes entwicklungsgeschichtliches Denken war den Anhängern des aufkommenden Materialismus zu mystisch, den katholischen Mystikern wie Görres zu wissenschaftsgläubig. Erst am Ende des 20. Jahrhunderts wurde die Zeit für die Bedeutung Joseph Ennemosers reif: 1980 schrieben die Herausgeber Karl Boegner und Renate Riemeck über ihn: „Im Rahmen dieser goetheanischen, phänomenologischen Erkenntnishaltung entwickelten bedeutende Forscher des 19. Jahrhunderts im Gegenzug zum heraufkommenden Materialismus Ansätze und Impulse zu einer spirituellen, lebendigen Natur- und Weltauffassung, die bis heute als eine wissenschaftliche ernst zu nehmende Alternative zum gegenwärtigen Wissenschaftsbetrieb eine inhaltlich und methodisch fruchtbare Fortsetzung und Ausarbeitung erfahren hat.“
Die Passeirer Schützen hielten das Andenken an den Schützenoffizier Joseph Ennemoser wach und waren bisweilen einsame Besucher seines Grabsteins in Egern, liebevoll betreut von den Schützenkameraden der Tegernseer Gebirgsschützen - Kompanie.
Die gedruckten Werke von Dr. Joseph Ennemoser werden von Mitgliedern des Vereins für Kultur und Heimatpflege Passeier gesammelt, wobei zu erwähnen ist, dass Ennemosers Nachlass wahrscheinlich sehr üblen Umständen zum Opfer gefallen ist.
Dr. Heinrich Hofer


















